Jörg-Uwe Goldbeck, geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens, sprach bei der Vorstellung der Zahlen von einem „mühsamen, anstrengenden Geschäftsjahr mit intensivem Wettbewerb“. Im Geschäftsbericht fällt die Formulierung zurückhaltender aus, die Befunde sind jedoch eindeutig: Die europäischen Baumärkte entwickelten sich nur moderat, der gewerbliche Hochbau blieb umkämpft, die eigenen Werke waren nicht durchgängig ausgelastet. Hinzu kamen Projektverschiebungen, ein veränderter Produktmix und in Deutschland ein vergleichsweise schneereicher Winter.
„Wir waren mächtig unter Dampf“, fasste Jörg-Uwe Goldbeck die vergangenen Monate zusammen. Umso schwerer wiegt für das Unternehmen der höchste Auftragseingang seiner Geschichte. Er sei „eine Erleichterung und ein gutes Gefühl“.
Der Blick auf die vergangenen fünf Jahre zeigt, wie deutlich sich Leistung und Neugeschäft inzwischen auseinanderentwickeln. Während der Auftragseingang seit 2021/22 von 6,348 auf 7,312 Milliarden Euro stieg, bewegt sich die Gesamtleistung seit drei Jahren seitwärts. Nach 6,684 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2022/23 folgten 6,368 Milliarden Euro, 6,309 Milliarden Euro und nun 6,325 Milliarden Euro. Der Auftragseingang verspricht somit Wachstum, das sich bislang noch nicht in gleichem Umfang in der Leistung niederschlägt. Zum Ende des ersten Quartals 2026/27 hatte sich der noch abzuarbeitende Netto-Auftragsbestand bereits auf 9,3 Milliarden Euro erhöht – ebenfalls ein Höchststand. Von April bis Juni 2026 erreichte der Auftragseingang 2,3 Milliarden Euro, nach 1,8 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Mit dem wachsenden Auftragsbestand rückt die wirtschaftliche Umsetzung der Projekte stärker in den Fokus.
Deutschland zieht an, Europa verliert Aufträge
Die stärkere Nachfrage stammt vor allem aus Deutschland. Die Regionalgesellschaften erreichten hier einen Auftragseingang von knapp 5,1 Milliarden Euro und übertrafen den Vorjahreswert um 10,9 Prozent. Ihre Gesamtleistung sank dagegen leicht um rund 100 Millionen Euro auf 3,8 Milliarden Euro. Anders fällt die Entwicklung im europäischen Geschäft aus. Goldbeck Europe und die Landesgesellschaften hielten ihre Gesamtleistung bei rund zwei Milliarden Euro, der Auftragseingang verringerte sich jedoch von 2,5 auf 2,3 Milliarden Euro. Rund 33 Prozent der gesamten Leistung erwirtschaftet Goldbeck außerhalb Deutschlands. Das Unternehmen ist in 21 Ländern aktiv und unterhält europaweit 122 Standorte.
Die breite geografische Präsenz soll konjunkturelle Unterschiede ausgleichen. Während Goldbeck für Deutschland nach mehreren schwachen Jahren lediglich ein leichtes Wachstum der Bauleistung erwartet, entwickeln sich die mittel- und osteuropäischen Märkte dynamischer. Für Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei prognostiziert das unabhängige Forschungsnetzwerk Euroconstruct 2026 ein Plus der Bauleistung von 6,5 Prozent und 2027 von 4,7 Prozent. Goldbeck ist in allen vier Ländern mit eigenen Standorten vertreten. Besonders Polen gilt laut Geschäftsbericht bis 2028 als einer der wachstumsstärksten Baumärkte Europas. Das Kerngeschäft bleibt gleichwohl stark vom Industrie- und Logistikbau abhängig. Von den 526 im Geschäftsjahr fertiggestellten Gebäuden waren 282 Hallen. Hinzu kamen 86 Bürogebäude, 67 Parkhäuser, 24 Schulen und Kindertagesstätten, 19 Wohngebäude, 18 Sporthallen, ein Rettungs- und Sicherheitsgebäude sowie 29 revitalisierte Bestandsimmobilien.
Der Auftragseingang zeigt bereits eine andere Gewichtung: Auf Hallen entfielen nach der Unternehmenspräsentation 48 Prozent. Wohnen erreichte 14 Prozent, Schulen 13 Prozent und Bürogebäude zwölf Prozent. Parkhäuser, Revitalisierungen und Rechenzentren bildeten den übrigen Anteil. Die Verschiebung zu Wohngebäuden und öffentlichen Aufträgen hilft Goldbeck, die Schwäche einzelner gewerblicher Segmente abzufedern, sie verändert aber auch die Finanzierung des laufenden Geschäfts.
Öffentliche Aufträge verschieben die Zahlungsströme
Der Bestand an unfertigen Projekten erhöhte sich von 3,9 auf vier Milliarden Euro. Gleichzeitig gingen die erhaltenen Anzahlungen deutlich zurück. In der Bilanz sanken die entsprechenden Verbindlichkeiten von 420 auf 178 Millionen Euro. Goldbeck begründet dies ausdrücklich mit dem wachsenden Anteil öffentlicher Aufträge, bei denen Zahlungen im Projektverlauf später eingehen. Zur Zwischenfinanzierung greift das Unternehmen deshalb häufiger auf Banklinien zurück. Das ist eine relevante Begleiterscheinung der neuen Auftragsstruktur. Schulen, Sporthallen, Rettungswachen und andere öffentliche Gebäude sorgen für zusätzliches Volumen, binden während der Bauzeit aber mehr Kapital. Zu den größeren Vereinbarungen gehört der Rahmenvertrag mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern über bis zu 58 Feuerwehrgebäude. Statt jedes Vorhaben einzeln zu planen, basiert die Serie auf einem gemeinsamen Gebäudekonzept, das an die jeweiligen Standorte angepasst wird.
Jan-Hendrik Goldbeck, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens, sieht in solchen Serien einen Weg zu schnelleren Bauprozessen. Deutschland sei jedoch „in allen Belangen langsamer geworden“. Das gelte für Genehmigungen ebenso wie für wirtschaftliche Abläufe. Die öffentliche Hand blockiere weiterhin Möglichkeiten einer bedarfsgerechten Gesamtvergabe und halte am Primat der Einzelvergabe fest. Damit bleiben aus seiner Sicht Zeit- und Kostenvorteile ungenutzt, die systematisierte Anbieter bei Planung und Ausführung zusammenführen könnten.
Im Wohnungsbau wuchs der Auftragseingang von 700 Millionen Euro auf mehr als eine Milliarde Euro. Zu den wichtigen Projekten zählen die Marienhöfe in Berlin mit rund 900 Wohnungen. Jörg-Uwe Goldbeck bezeichnete das Vorhaben auch im Hinblick auf das serielle Bauen als „Meilenstein“. Rund 5.000 Wohneinheiten hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bislang fertiggestellt, weitere etwa 8.000 befinden sich im Bau.
Der Aufschwung des Wohnungsbaus hat Folgen für die eigene Produktion. Projektverschiebungen und der neue Produktmix führten zwar dazu, dass die 16 Werke im Geschäftsjahr nicht vollständig ausgelastet waren. Goldbeck investierte dennoch weiter in die Standorte, um insbesondere den steigenden Bedarf aus Wohnungsbauprojekten und den europäischen Landesgesellschaften bedienen zu können. Rund 141.000 Tonnen Stahl und 461.000 Kubikmeter Beton verließen im Berichtszeitraum die Werke.
Personalaufbau und Services als Investition in weiteres Wachstum
Goldbeck hat den Personalbestand trotz nahezu stagnierender Gesamtleistung um zwölf Prozent auf durchschnittlich 14.125 Beschäftigte erhöht. Damit investiert das Unternehmen erkennbar in künftiges Wachstum, nimmt zunächst aber höhere Kosten und eine sinkende Leistung je Mitarbeiter in Kauf. Zugleich baut Goldbeck das weniger konjunkturabhängige Servicegeschäft aus: Facility und Property Services, Public Partner sowie Parking Services steigerten ihre Leistung und betreuen inzwischen 2.478 Immobilien. Der wachsende Anteil wiederkehrender Erlöse aus Betrieb, Wartung und Bestandsentwicklung verbreitert das Geschäftsmodell über das klassische Projektgeschäft hinaus.
Rechenzentren sind kein Hallenbau mit mehr Technik
Das jüngste Wachstumsfeld sind Rechenzentren. Im Auftragseingang spielen sie bislang nur eine kleine Rolle, Goldbeck entwickelt sie jedoch als eigenständiges Produktsegment. In den vergangenen zwei Jahren hat das Unternehmen den Markt analysiert und erste Projekte akquiriert. Anfang des Geschäftsjahres 2026/27 kam die strategische Partnerschaft mit der österreichischen Zaunergroup hinzu, an der Goldbeck 50 Prozent hält. Der französische Planungs- und Beratungsspezialist Critical Building ergänzt die Kompetenzen auf der frühen Projektstufe und wurde komplett übernommen. Jan-Hendrik Goldbeck warnte davor, ein Rechenzentrum wie ein gewöhnliches Gebäude zu behandeln. Es sei ein „Wolf im Schafspelz“ und zu großen Teilen Anlagenbau. Stromversorgung, Kühlung, Sicherheit und technische Redundanzen wiegen mindestens so schwer wie die Gebäudehülle. Der Anspruch, als integrierter Anbieter von der Planung bis zur Inbetriebnahme aufzutreten, erfordert deshalb zusätzliches Know-how und lässt sich nach Einschätzung des Unternehmens nicht kurzfristig flächendeckend umsetzen.
Parallel investiert Goldbeck in die Digitalisierung der eigenen Abläufe. Das Unternehmen zählt 5.400 aktive BIM360-Projekte, hat 8,2 Terabyte Wissen in seinem Data Warehouse gebündelt und arbeitet an 172 Produktentwicklungsprojekten. Seit der Einführung Anfang 2026 erzeugten Planerinnen und Planer mit der KI-Anwendung RenderAI mehr als 41.000 fotorealistische Gebäudevisualisierungen. Von einem durchgängig digitalen Bauprozess ist die Branche nach Einschätzung von Jan-Hendrik Goldbeck dennoch weit entfernt. „BIM ist der Treppenwitz der Branche“, sagte er. Seit 30 Jahren werde darüber gesprochen, bis heute werde die Methode nicht lückenlos genutzt. Goldbeck entwickelt deshalb mit NEXUS eine gemeinsame Datenstruktur für Planung, Bau und Betrieb, in die künftig auch KI-Agenten eingebunden werden sollen.
Ein weiteres Forschungsfeld ist Beton. Im Anfang 2026 eröffneten Concrete Innovation Center in Hamm arbeitet das Unternehmen an der Dekarbonisierung des Baustoffs. In den 2030er-Jahren will Goldbeck Betonfertigteile mit Netto-Null-Emissionen produzieren. Beim Siemens Campus in Erlangen wurde bereits ein vertraglich vereinbarter CO2-Zielwert je Quadratmeter Nutzfläche um knapp 20 Prozent unterschritten.
Das Parkhaus Europabrücke in Konstanz baute Goldbeck für die Stadtwerke Konstanz GmbH. Es bietet 750 PKW-Stellplätze, 90 E-Ladepunkte, acht Carsharing-Stellplätze und eine Ebene für Fahrräder. Quelle: GOLDBECK GmbH


