Das von Professor Steffen Marx (TU Dresden) geleitete Gremium aus Experten im Bereich Architektur und Bauingenieurwesen verschiedener Universitäten und weiterer Institutionen bewertete die Entwürfe hinsichtlich der Machbarkeit und eventueller Risiken. Grundlage war eine umfassende Vorprüfung durch ein externes Ingenieurbüro, die Fachämter der Landeshauptstadt Dresden sowie die Partner der Auftraggebergemeinschaft – die Dresdner Verkehrsbetriebe AG und die SachsenEnergie AG.
1. Platz: LAP und Knight Architects
Gesamturteil
Das Fachexpertengremium empfiehlt den Entwurf von LAP und Knight Architects einstimmig auf Platz eins. Die Planung erfüllt die Anforderungen an einen wirtschaftlichen und leistungsfähigen Ersatzneubau am überzeugendsten und verbindet diese mit einer eigenständigen architektonischen Lösung. Besonders positiv bewertet werden die zurückhaltende Einbindung in das historische Stadtbild, die hohe Transparenz sowie die gelungene Weiterentwicklung der Geschichte der Carolabrücke.
Städtebau, Architektur und Verkehr
Der Entwurf knüpft mit seinem filigranen Stabwerk an die erste Carolabrücke an und verbindet deren Charakter mit modernen Anforderungen. Die Brücke wirkt leicht, verbessert wichtige Sichtbeziehungen und schafft eine hohe Aufenthaltsqualität an den Elbufern sowie unter dem Bauwerk. Die breite Promenade auf der Altstadtseite wird als zusätzlicher Mehrwert bewertet. Positiv hervorgehoben wird zudem, dass Konflikte zwischen Radverkehr und Straßenbahn gelöst werden.
Tragwerk
Das Tragwerkskonzept wird als schlüssig, robust und konstruktiv nachvollziehbar bewertet. Die Gestaltung folgt dem Kraftfluss und verleiht der Brücke eine eigene Identität. Die rautenförmige Ausbildung der Voutenbereiche wird als innovativ angesehen, auch wenn die Detailausbildung noch weiterentwickelt werden sollte.
Bauzeit, Kosten und Wirtschaftlichkeit
Die Vorfertigung großer Stahlbauteile ermöglicht kurze Bauzeiten. Durch die Trennung in zwei Brückenzüge sind Teilinbetriebnahmen und spätere Wartungsarbeiten einfacher möglich. Trotz höherer Kosten für die filigranen Gitterstrukturen bleibt der Entwurf innerhalb des vorgesehenen Budgets.
Genehmigungsfähigkeit
Die Jury sieht keine wesentlichen genehmigungsrechtlichen Risiken. Fragen des Hochwasserschutzes wurden bereits mit den Fachbehörden abgestimmt.
2. Platz: FHECOR und TSSB
Gesamturteil
Der Entwurf erreicht Platz zwei. Die Jury würdigt insbesondere die starke gestalterische Qualität und die gelungene Neuinterpretation der Dresdner Bogenbrücken. Gleichzeitig wird kritisiert, dass die Brücke im Stadtbild sehr dominant wirkt und das Tragwerkskonzept nicht vollständig überzeugt.
Städtebau, Architektur und Verkehr
Das prägende Merkmal ist die markante Bogenreihe, die die Tradition der Dresdner Elbbrücken in die Gegenwart übersetzt. Die Brücke schafft durch ihre aufgelösten Pfeiler eine hohe Transparenz und verbessert die Aufenthaltsqualität unter dem Bauwerk deutlich. Kritisch bewertet werden die sehr dominante Erscheinung im historischen Stadtraum, die hohe Oberleitungsanlage sowie ungelöste Konflikte im Radverkehr.
Tragwerk
Das Tragwerk basiert auf einem Sprengwerk mit zusätzlichen Pfeilern. Dadurch entsteht zwar eine schlanke Konstruktion, gleichzeitig führen die unterschiedlichen Spannweiten zu hohen Horizontalkräften und einem erhöhten Materialbedarf. Die Jury sieht hierin die größte technische Schwäche des Entwurfs.
Bauzeit, Kosten und Wirtschaftlichkeit
Dank eines hohen Vorfertigungsgrades werden kurze Bauzeiten erwartet. Allerdings ist keine abschnittsweise Teilinbetriebnahme möglich. Für Wartung und Instandhaltung werden aufgrund der komplexen Konstruktion höhere Aufwendungen erwartet.
Genehmigungsfähigkeit
Die zusätzliche Pfeilerachse und die leicht erhöhte Brückenlage gelten grundsätzlich als genehmigungsfähig. Auswirkungen auf Hochwasserabfluss, Schifffahrt und Sichtbeziehungen werden als beherrschbar eingestuft.
3. Platz: Schüßler-Plan und DKFS
Gesamturteil
Der Entwurf wird als technisch solide und wirtschaftlich überzeugend bewertet, erhält jedoch nur Platz drei. Hauptkritikpunkt ist die fehlende städtebauliche Qualität. Die Jury sieht die Brücke zu stark im Erscheinungsbild der siebziger Jahre verhaftet.
Städtebau, Architektur und Verkehr
Die Planung orientiert sich am stärksten an der Carolabrücke 2.0. Dadurch bleiben viele bestehende Blickbeziehungen erhalten. Gleichzeitig wird die Brücke als wenig urban beschrieben. Die durchgehenden Pfeilerscheiben erzeugen eine Mauerwirkung, während die aufgefächerten Brückenenden spätere Anpassungen des Stadtraums erschweren.
Tragwerk
Das Tragwerkskonzept gilt als robust, bewährt und technisch überzeugend. Die gewählten Spannweiten orientieren sich an der bisherigen Carolabrücke. Der Materialwechsel zwischen Stahl und Spannbeton wird konstruktiv nachvollziehbar begründet.
Bauzeit, Kosten und Wirtschaftlichkeit
Hier liegen die größten Stärken des Entwurfs. Herstellung, Wartung und Instandhaltung werden als vergleichsweise kostengünstig eingeschätzt. Die Trennung in drei Brückenzüge ermöglicht zudem spätere Teilinbetriebnahmen und Reparaturen.
Genehmigungsfähigkeit
Technische Genehmigungsprobleme werden nicht erwartet. Kritisch bewertet wird jedoch die mangelnde Flexibilität des Entwurfs im Hinblick auf zukünftige städtebauliche Entwicklungen.
4. Platz: Ingenieurbüro GRASSL und gmp
Gesamturteil
Der Entwurf erreicht Platz vier. Die Jury erkennt eine technisch durchdachte Lösung, sieht jedoch erhebliche Defizite bei der städtebaulichen und architektonischen Umsetzung.
Städtebau, Architektur und Verkehr
Charakteristisch sind die sehr großen Pfeiler mit integrierten Aussichtsbalkonen. Die Jury hält diesen Ansatz zwar grundsätzlich für nachvollziehbar, bewertet die Wirkung jedoch als zu massiv. Die Pfeiler beeinträchtigen Sichtachsen auf die Altstadt, wirken aus vielen Perspektiven wie eine Mauer und verschlechtern die Aufenthaltsqualität unter der Brücke. Auch Geländer, Beleuchtung und die Gestaltung der Elbzugänge werden kritisch gesehen.
Tragwerk
Das Tragwerk ähnelt in seiner Grundidee dem zweitplatzierten Entwurf. Die Konstruktion wird als technisch funktional bewertet, allerdings entsteht durch die gewählten Spannweiten ebenfalls ein ungünstiges Kräfteverhältnis mit erhöhtem Materialbedarf.
Bauzeit, Kosten und Wirtschaftlichkeit
Die vorgeschlagene Bauweise gilt als erprobt und risikoarm. Die Jury zweifelt jedoch die vorgelegten Kostenschätzungen an und hält die angesetzten Einheitspreise für unrealistisch niedrig. Der hohe Materialeinsatz der Pfeiler wird ebenfalls kritisch bewertet.
Genehmigungsfähigkeit
Die übergroßen Balkone und die daraus resultierende Brückenbreite könnten nach Einschätzung der Jury genehmigungsrechtliche Probleme verursachen. Eine abschließende Bewertung sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich.
Übergreifende Einschätzung des Expertengremiums
Alle vier Entwürfe erfüllen die Anforderungen der Ausschreibung und gelten als grundsätzlich realisierbar. Die Unterschiede liegen vor allem in der städtebaulichen Qualität, der architektonischen Wirkung und der langfristigen Wirtschaftlichkeit. Das Gremium warnt zudem davor, dass sich sämtliche Entwürfe bereits nahe der Kostenobergrenze bewegen. Um Bau- und Folgekosten zu reduzieren, empfiehlt die Jury, die Brückenbreite in den weiteren Planungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu reduzieren.


