Kommentar: Die Bauministerkonferenz und das Geheimnis der angehaltenen Zeit

Was die Sonder-Bauministerkonferenz offenbart, abseits der üblichen Pressemeldungen. Ein Kommentar von Ivette Wagner.

Die Sonder-Bauministerkonferenz in Berlin hat getagt zur Wohnungskrise. Es lebe der Fortschritt! Wie ich darauf komme? Ein Blick auf die Homepage der Bauministerkonferenz reicht. Da liegt aus meiner Sicht die Pointe dieser honorigen Veranstaltung: Die Wohnungskrise ist inzwischen so alt, dass sie kaum auffallen dürfte. Oder so ähnlich! Hat sich mal jemand die Mühe gemacht, sich dieses antiquierte Ding anzuschauen? Die letzte Pressemitteilung ist von Januar 2026, die letzte Fachinformation von 2021.

Während in Berlin, Brüssel, den Ländern und Kommunen über Beschleunigung, Transformation und bezahlbares Wohnen diskutiert wird, strahlt die digitale Visitenkarte des zuständigen Gremiums vor allem eines aus: absolute Entschleunigung. Vielleicht erklärt das auch die aktuelle Beschlusslage. Die Länder warnen vor neuen Berichtspflichten und zusätzlicher Bürokratie aus Brüssel. Verständlich. Wer fünf Jahre braucht, um eine Fachinformation auf seiner Website zu erneuern, möchte sich natürlich keine weiteren Aufgaben aufladen.

Kleine Zeitreise zum Schluss: 2021 war Olaf Scholz noch Finanzminister, die Bauzinsen lagen im historischen Tief. Über das gesamte Jahr betrachtet, bewegten sich die effektiven Jahreszinsen für zehnjährige Darlehen auf einem Rekordtief von meist 0,9 Prozent bis etwa 1,3 Prozent. Auch für 15- oder 20-jährige Zinsbindungen waren Baukredite damals sehr günstig lagen nahe null und viele Projektentwickler glaubten noch, dass jedes Grundstück automatisch im Wert steigt, auf Veranstaltungen wurde gerätselt, ob die Preise auch mal irgendwann wieder fallen könnten (Es lebe das Wissen über den Zyklus!). Wer heute auf die Seite klickt, bekommt einen Eindruck davon, wie sich Archäologen fühlen müssen. Man gräbt sich durch digitale Sedimentschichten und stößt auf Dokumente aus einer Epoche, die ganz weit weg scheint. Immerhin: Wer wissen möchte, wie Deutschland schneller bauen kann, lernt hier zunächst, wie man die Zeit anhält. Ein erstaunlich anschauliches Anschauungsobjekt!

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