Van Bo Le-Mentzel: Warum seine Wohnexperimente die Bauwirtschaft herausfordern

Van Bo Le-Mentzel bewegt sich zwischen Architektur, sozialer Praxis, Design und unternehmerischem Experiment. Bekannt wurde er mit frei zugänglichen Möbelentwürfen und radikalen Kleinstwohnkonzepten, inzwischen steht er für eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich unter Bedingungen von Flächenknappheit, Ressourcenverbrauch und sozialem Druck anders bauen und wohnen? Unter dem Titel ‚Das umkämpfte Zuhause: Wohnen nicht als Markt, sondern als Konflikt‘ ist er bei NEW bauhaus am 2. und 3. September in Weimar zu Gast.

Die Routinen von Eigentum, Nutzung, Kosten und Teilhabe sind in Deutschland klar. Zumindest, wenn man Pauschalierungen mag und dem gängigen Narrativ folgt, das (auch in der Immobilienbranche) immer wieder bemüht wird. Und dann kommt Van Bo Le-Mentzel, der sich gängigen Kategorien entzieht, sie nicht nur infrage stellt, sondern ihnen Konkretes entgegenstellt. Der 1977 in einem thailändischen Flüchtlingslager geborene Architekt laotischer Herkunft arbeitet an einer radikalen Neudefinition dessen, was Architektur leisten kann und vor allem was sie kosten darf.

Bekannt wurde er durch seine sogenannten Hartz-IV-Möbel, eine Kollektion aus Stühlen, Sesseln, Regalen und Tischen, deren Bauanleitungen kostenlos im Internet einzusehen waren. „Das gibt den Menschen die Macht, ihre Welt ästhetischer, sozialer und erhebender zu gestalten, ohne Regierung, Polizei oder multinationale Einmischung“, erklärte er gegenüber dem Designmagazin Dwell. Der programmatische Anspruch ist dabei kein Zufall: Van Bo Le-Mentzel versteht seine Entwürfe explizit als politische Intervention. Die Vorbilder reichen von Gerrit Rietveld über Mies van der Rohe bis Marcel Breuer, also ins historische Bauhaus, dessen demokratischen Gestaltungsanspruch eine Übersetzung in das 21. Jahrhundert finden.

Die Möbelprojekte waren allerdings nur der Anfang. Seit Mitte der 2010er-Jahre geht es ihm um Wohnkonzepte, die den Widerspruch zwischen urbanem Raum und sozialer Teilhabe auflösen sollen. Sein Projekt der 100-Euro-Wohnung – ein Tiny House von 6,4 Quadratmetern, das auf einen Anhänger passt und Küche, Bad, Büro und Schlafbereich integriert – ist dabei kein Lifestyle-Produkt für Aussteiger, sondern ein Diskussionsbeitrag zur Frage, wie Menschen mit geringem Einkommen in Innenstädten leben könnten. In einem Interview mit dem Goethe-Institut formulierte er seinen Grundsatz: „Wir haben nicht zu wenig Wohnraum, wir haben zu wenig Vorstellungskraft.“

Diese Haltung macht Van Bo Le-Mentzel für Teile der etablierten Bau- und Immobilienwirtschaft zum Provokateur. Seine Projekte unterlaufen, wie bereits erwähnt, die üblichen Kategorien von Eigentum, Rendite und Flächenverbrauch. Wenn er von ‚Co-Being Houses‘ spricht – gemeinschaftlichen Wohnformen, in denen private Kleinstwohnungen an geteilte Infrastruktur angedockt sind –, dann stellt er implizit die Frage, ob das Geschäftsmodell der Branche mit den gesellschaftlichen Anforderungen noch kompatibel ist. In einem Interview mit dem Blog Stories and Faces formulierte er einen seiner Ansätze so: „Viele neue Wohnkonzepte entstehen nicht deswegen, weil wir sie vorher konkret durchdekliniert und linear geplant haben, sondern weil es Räume der Möglichkeiten gibt.“

Van Bo Le-Mentzel Ansätze sind dabei keineswegs frei von Widersprüchen. Kritiker weisen immer wieder darauf hin, dass Tiny Houses und Minimalwohnungen für Familien kaum praktikabel sind, dass sie in der deutschen Bauordnung auf erhebliche Hürden stoßen und dass sie strukturelle Probleme wie Bodenspekulation oder mangelnden sozialen Wohnungsbau nicht lösen, sondern bestenfalls umgehen. Mit der Frage, ob eine 6,4-Quadratmeter-Wohnung menschenwürdiges Wohnen darstellt oder eine Zumutung ist, die nur aus der Not geboren wird, betritt man den philosophischen Korridor hin zur gesellschaftlichen Frage, welche Werte wir leben wollen. Van Bo Le-Mentzel selbst lebt mit seiner Frau und zwei Kindern, so war in mehreren Veröffentlichungen zu lesen, auf 56 Quadratmetern in Berlin. Ein Wert, der deutlich über seinen eigenen Minimalentwürfen liegt.

Dennoch hat seine Arbeit eine Relevanz, die über symbolische Gesten hinausgeht. 2017 kuratierte Van Bo Le-Mentzel den Bauhaus Campus Berlin, ein temporäres Dorf aus Tiny Houses auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs, das tagsüber als Arbeits- und Workshopraum diente und nachts Obdachlosen Unterkunft bot. Das Projekt verband soziales Engagement mit architektonischer Praxis und zeigte, wie brachliegende urbane Flächen jenseits klassischer Verwertungslogik genutzt werden können. Es zeigte aber eben auch, dass temporär so vieles geht und ließ die Frage offen, was genau man daraus konkret für den Alltag ableiten und welche Erkenntnisse daraus für den Städtebau an sich gezogen werden können.

Seit 2025 ist Van Bo Le-Mentzel Mitgründer des Unternehmens Gemeinwohlbau COB 01 GmbH, das nach eigenen Angaben durch serielles Bauen von Kleinst- und Clusterwohnungen in urbanen Baulücken bezahlbaren Wohnraum schaffen will. Ob dieses Modell skalierbar ist und ob es den Härtetest des deutschen Planungs- und Genehmigungsrechts besteht, wird sich zeigen. Die Immobilienwirtschaft beobachtet solche Ansätze mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier: Einerseits stellen sie etablierte Geschäftsmodelle infrage, andererseits könnten sie Antworten auf Probleme liefern, für die der Markt bisher keine Lösungen gefunden hat.

Van Bo Le-Mentzel Konzept einer ‚Karma Economy‘, das er gegenüber Dwell skizzierte, mag für klassische Ökonomen befremdlich klingen: eine Tauschlogik, die auf Anerkennung, Gemeinschaft und gegenseitigem Nutzen basiert statt auf monetären Transaktionen. Doch in einer Zeit, in der Städte mit Verdrängung kämpfen und die Bauwirtschaft unter Kostendruck steht, wirft er damit eine Frage auf, die niemand in der Branche ignorieren kann: Was ist Wohnen eigentlich wert und für wen wird gebaut?

 

 

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