Die Wärmewende entscheidet sich im Handwerk

Deutschland hat Technologien, Förderprogramme und Sanierungspläne. Doch zunehmend fehlen die Betriebe, die daraus gebaute Realität machen. Maximilian Seifert, Geschäftsführer des Sanierungsunternehmens GREENOX, erklärt, warum die Nachfolge im Handwerk damit zu einer Schlüsselfrage der Wärmewende wird.

Die Debatte über die Wärmewende dreht sich meist um Technologien: Wärmepumpe oder Fernwärme, Dämmung oder neue Fenster, Förderung oder Verpflichtung. Aus meiner Sicht wird dabei eine entscheidende Frage zu selten gestellt: Wer soll all diese Maßnahmen planen, installieren und anschließend betreuen?

Die Dimension ist gewaltig. In Deutschland gibt es laut dena-Gebäudereport 2026 rund 43,6 Millionen Wohnungen in Wohn- und Nichtwohngebäuden, in denen eine Heizung vorhanden ist. 73,4 Prozent davon werden mit Gas oder Heizöl beheizt. Hinter diesen Zahlen stehen Millionen unterschiedliche Gebäude mit jeweils eigener Technik, Bausubstanz und Nutzung.

Die benötigten Technologien sind grundsätzlich vorhanden. Doch eine Wärmepumpe, die niemand fachgerecht auslegt und einbaut, senkt keine Emissionen. Ein Sanierungsfahrplan, für den vor Ort die Betriebe fehlen, bleibt Papier.

Der Engpass liegt zunehmend in der Umsetzung

Das Interesse an energetischen Sanierungen ist vorhanden. Allein 2024 wurden laut dena mehr als 160.000 Anträge auf geförderte Energieberatungen gestellt. Doch zwischen Beratung und Umsetzung braucht es einen verfügbaren Fachbetrieb.

Gerade in den Gewerken, die für die Wärmewende gebraucht werden, fehlen Fachkräfte. In der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik blieben laut Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung zuletzt mehr als 12.000 Stellen für Fachkräfte unbesetzt; in der Dachdeckerei fehlten mehr als 3.000 ausgebildete Fachkräfte.

Diese Zahlen zeigen: Mehr Förderung erzeugt nicht automatisch mehr Sanierungen. Wer die Wärmewende beschleunigen will, muss auch die ausführenden Strukturen stärken.

Wenn ein Betrieb schließt, verschwindet regionale Infrastruktur

In unserer Arbeit erleben wir, wie viel Wissen in regionalen Handwerksbetrieben gebündelt ist. Dazu gehören nicht nur technische Fähigkeiten. Ein Betrieb kennt die Gebäude in seiner Region, die Anforderungen seiner Kunden, seine Lieferanten und die Besonderheiten der örtlichen Märkte.

Findet ein wirtschaftlich gesunder Betrieb keinen Nachfolger, geht mehr verloren als ein Firmenname. Im schlimmsten Fall zerfällt ein eingespieltes Team, Ausbildungsplätze verschwinden und Kunden verlieren einen Ansprechpartner.

Eine aktuelle Creditreform-Studie zeigt die Größenordnung: Rund ein Viertel der Inhaber von Handwerksbetrieben will sich innerhalb der nächsten drei Jahre zurückziehen, weitere 57,6 Prozent planen eine Übergabe innerhalb von drei bis zehn Jahren. Gleichzeitig erwägt jeder sechste Inhaber, den Betrieb nach seinem Rückzug stillzulegen. Nicht jeder dieser Pläne wird umgesetzt. Doch Nachfolge ist längst kein Randthema des Handwerks.

Unternehmensnachfolge ist auch Klimapolitik

Wir behandeln Betriebsnachfolge noch zu häufig als private Frage zwischen einer Unternehmerfamilie und einem möglichen Käufer. In Branchen, die für die Transformation des Gebäudebestands unverzichtbar sind, greift das zu kurz. Wo Heizungs-, Dachdecker- oder Sanierungsbetriebe gebraucht werden, ist ihr Fortbestand auch von öffentlichem Interesse.

Gleichzeitig darf die Verantwortung nicht allein bei der nächsten Generation abgeladen werden. Wer heute einen Handwerksbetrieb übernimmt, verantwortet neben der fachlichen Arbeit auch Personal, Finanzierung, Digitalisierung und Bürokratie. Es überrascht mich nicht, dass viele Meisterinnen und Meister vor diesem Gesamtpaket zurückschrecken.

Regionale Eigenständigkeit und gemeinsame Strukturen sind kein Widerspruch

Regionale Betriebe müssen nicht zwangsläufig verschwinden, nur weil innerhalb der Familie oder der Belegschaft keine Nachfolge möglich ist. Eine Alternative besteht darin, dass externe Nachfolgerinnen und Nachfolger einsteigen oder Betriebe Teil größerer Strukturen werden, die den Fortbestand sichern. Dabei können zentrale Funktionen wie Buchhaltung, Personal, Einkauf oder Marketing gebündelt werden, während der operative Betrieb vor Ort weitergeführt wird.

Zentralisierung darf jedoch nicht bedeuten, aus gewachsenen Betrieben austauschbare Filialen zu machen. Name, Standort, Team und Kundenbeziehungen sind keine nostalgischen Anhängsel. Sie sind ein wesentlicher Teil des Unternehmenswerts.

Auch Konsolidierung ist kein Selbstzweck. Werden Kosten und kurzfristige Renditen zum alleinigen Maßstab, gehen genau jene regionalen Strukturen verloren, die erhalten werden sollten. Gute Nachfolgemodelle müssen zentrale Entlastung mit regionaler Verantwortung vor Ort verbinden.

Wir brauchen einen realistischeren Maßstab für die Wärmewende

Der Erfolg der Wärmewende sollte nicht allein daran gemessen werden, wie viele Förderanträge gestellt oder Wärmepumpen verkauft werden. Wir müssen ebenso fragen, wie viele qualifizierte Teams diese Technik einbauen können, wie lange Eigentümer auf einen Termin warten und wie viele Betriebe in ihrer Region erhalten bleiben.

Dafür braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen, weniger administrative Reibung, eine starke berufliche Ausbildung und bessere Voraussetzungen für Betriebsübergaben. Nachfragepolitik ohne Kapazitätspolitik reicht nicht.

Die Wärmewende wird nicht allein in Ministerien, Förderrichtlinien oder technischen Datenblättern entschieden. Sie entscheidet sich in den Betrieben, die Eigentümer beraten, Anlagen planen und morgens auf die Baustelle fahren. Verlieren wir diese Betriebe, fehlen am Ende nicht die Pläne, sondern die Menschen, die sie umsetzen können.

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