In seinem Buch „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ schreibt er: „Zukunftsfähigkeit ist keine technische, sondern eine kulturelle Frage.“ Das Bauen ist dafür ein gutes Beispiel. Die technischen Lösungen für ressourcenschonendes, klimagerechtes Bauen existieren längst. Was fehlt, ist etwas anderes. Harald Welzer lehrt Transformationsdesign an der Universität Flensburg und hat 2012 die Stiftung FUTURZWEI gegründet. Der Name verweist auf eine grammatikalische Zeitform, das Futur II, eine Vergangenheit, die noch nicht stattgefunden hat. In einem Vortrag an der Evangelischen Akademie Tutzing erklärte Harald Welzer die Idee so: „Wenn wir aus einer gedachten Zukunft zurückblicken, können wir fragen: Was werden wir getan haben? Und waren wir damit zufrieden?“ Die Frage zielt nicht auf technische Machbarkeit, sondern auf Verantwortung. Sie macht aus einer abstrakten Debatte über Emissionsziele eine konkrete über das eigene Handeln.
Für die Bau- und Immobilienbranche ist diese Perspektive unbequem. Rund 40 Prozent der globalen CO₂-Emissionen gehen auf Gebäude zurück, auf ihre Errichtung, ihren Betrieb, ihren Abriss. Harald Welzer würde vermutlich sagen, dass das keine Überraschung ist, sondern Ausdruck einer Logik, die Wachstum für selbstverständlich hält. In einem Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT formulierte er: „Menschen ändern ihr Verhalten nicht durch Einsicht, sondern durch neue Normalitäten.“ Die Einsicht, dass weniger Neubau besser wäre, ist längst da. Die neue Normalität noch nicht.
Harald Welzers Kritik richtet sich dabei weniger gegen einzelne Akteure als gegen ein System, das bestimmte Entscheidungen nahelegt und andere erschwert. In „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ analysierte er, wie Ressourcenkonflikte durch den Klimawandel verschärft werden. Das Buch machte ihn international bekannt und zeigt eine Perspektive, die über das Bauen hinausreicht, aber für das Bauen relevant ist: Wer Ressourcen verbraucht, nimmt sie anderswo weg. Wer heute plant, entscheidet über die Verteilungskämpfe von morgen. „Wir verlagern die Kosten unseres Wohlstands in die Zukunft und in andere Weltregionen“, sagte Harald Welzer in einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. „Das ist keine Nachhaltigkeit, das ist Externalisierung.“
Stiftung FUTURZWEI fordert Verzicht
Die Stiftung FUTURZWEI, die Harald Welzer gemeinsam mit der Publizistin Dana Giesecke leitet, verfolgt einen anderen Ansatz als klassische Umweltorganisationen. Statt Verzicht zu fordern, sammelt sie Beispiele gelingender Praxis – Projekte, in denen Menschen anders wirtschaften, bauen, zusammenleben. Im FUTURZWEI Zukunftsalmanach werden solche Geschichten dokumentiert. „Wir brauchen Beispiele dafür, dass Veränderung nicht Verlust bedeutet, sondern Gewinn an Lebensqualität“, sagte Harald Welzer in einem Podcast-Gespräch mit Jung & Naiv. Diese Haltung unterscheidet ihn von Apokalyptikern ebenso wie von Technokraten. Harald Welzer glaubt weder, dass es zu spät ist, noch dass sich alles von selbst regelt.
In einem Essay für Die ZEIT schrieb er: „Transformation ist kein Projekt, das irgendwann abgeschlossen ist. Sie ist eine fortlaufende Praxis, ein Prozess des Verlernens und Neulernens.“ Das klingt abstrakt, hat aber konkrete Konsequenzen. Wer so denkt, fragt bei jedem Bauprojekt nicht nur nach Kosten und Nutzen, sondern auch: Was verlernen wir hier? Was lernen wir? Harald Welzer ist dabei kein Theoretiker im Elfenbeinturm. Er sucht die öffentliche Debatte, nicht selten den Streit. In der Talkshow Maischberger kritisierte er die deutsche Klimapolitik als „symbolisch wirksam, aber materiell folgenlos“. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte er über die Baubranche: „Wir reißen ab und bauen neu, weil das billiger ist als umzubauen. Aber billig ist es nur, weil die wahren Kosten nicht eingepreist sind.“ Die wahren Kosten – das sind CO₂-Emissionen, Flächenverbrauch, Ressourcenvernichtung. Sie tauchen in keiner Bilanz auf, aber sie sind real.
Im Gespräch mit dem Tagesspiegel beschrieb Harald Welzer einmal, was ihn an der gegenwärtigen Situation frustriert: „Wir haben alle Informationen. Wir haben alle Technologien. Wir haben sogar das Geld. Was wir nicht haben, ist eine Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die nicht auf permanentes Wachstum angewiesen ist.“ Genau darum geht es beim Umbau der gebauten Umwelt: nicht um ein technisches Upgrade, sondern um eine kulturelle Neuausrichtung. In „Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit“ weitete Harald Welzer seinen Blick auf die digitale Transformation aus und kritisierte eine Entwicklung, in der technologische Effizienz zum Selbstzweck wird. Die Parallelen zur Baubranche sind offensichtlich: Auch hier dominiert oft eine Logik der Optimierung, die nicht fragt, was eigentlich optimiert werden soll. „Schneller, billiger, mehr – das ist keine Strategie, das ist ein Reflex“, sagte Harald Welzer in einem Interview mit dem Spiegel.
In seinem jüngeren Buch „Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens“ geht Harald Welzer noch einen Schritt weiter. Er fragt nicht nur, wie Gesellschaften sich verändern, sondern auch, wovon sie sich verabschieden müssen. „Aufhören ist eine unterschätzte Kulturtechnik“, schreibt er dort. „Wir lernen ständig, Dinge anzufangen. Aber wir lernen nie, sie zu beenden.“ Für die Baukultur ist das eine zentrale Provokation. Eine Branche, deren Geschäftsmodell auf dem Immer-Weiter-Bauen beruht, muss sich fragen lassen, ob dieses Modell in einer endlichen Welt tragfähig ist. Harald Welzer beantwortet die Frage nicht direkt, aber seine Analyse lässt wenig Spielraum: Wer nicht lernt aufzuhören, wird irgendwann gestoppt – von den physikalischen Grenzen des Planeten.
Seine Kritik bleibt dabei nicht bei der Analyse stehen. In zahlreichen Gesprächen betont Harald Welzer, dass er an Handlungsfähigkeit glaubt, an die Möglichkeit, Dinge anders zu machen. Im Deutschlandfunk sagte er: „Jede Generation hat die Chance, die Fehler der vorigen zu korrigieren. Aber sie muss diese Chance auch ergreifen.“ Das ist keine Durchhalteparole, sondern ein nüchterner Hinweis darauf, dass Geschichte offen ist – auch die Geschichte des Bauens. In einem Gespräch mit dem Barcelona Metropolis Magazine formulierte er: „Wir haben uns an die Idee gewöhnt, dass Fortschritt bedeutet, immer mehr zu produzieren. Aber das ist keine Naturkonstante, das ist eine historische Entscheidung.“ Entscheidungen lassen sich revidieren. Gewohnheiten lassen sich ändern. Normalitäten lassen sich verschieben.
„Design ist immer auch eine Aussage darüber, wie wir leben wollen“, sagte Harald Welzer in einem Vortrag an der Hochschule für Gestaltung Offenbach. „Und wer das ignoriert, gestaltet trotzdem – nur eben unreflektiert.“ Weimar, die Stadt des historischen Bauhauses, ist für diese Debatte ein Ort mit Vorgeschichte. Vor über hundert Jahren versuchte dort eine Gruppe von Gestaltern, Kunst, Handwerk und Industrie neu zu verbinden. Harald Welzer würde vielleicht sagen, dass es heute nicht darum geht, das Bauhaus zu wiederholen, sondern die Frage zu stellen, die auch damals im Zentrum stand: Wie wollen wir leben? Und was folgt daraus für das, was wir bauen?


