Investorenschreck Berlin?

Ingo Weiss, Co-Founder und Managing Partner bei DRIVEN, kommentiert die aktuellen wohnungspolitischen Entwicklungen in Berlin und zeigt auf, warum Vertrauen für Investoren inzwischen zum entscheidenden Standortfaktor geworden ist.

Neue Eingriffe ins Mietrecht, offene Mehrheitsverhältnisse vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl und die Enteignungsdebatte verändern den Blick auf Wohninvestments in Berlin. Wer heute in Immobilien in der Hauptstadt investiert, fragt nicht nur nach Nachfrage, Mieten und Baukosten. Er kommt auch an der Frage nicht mehr vorbei, wie verlässlich Politik und Verwaltung noch sind. Und welche Pläne in den Schubladen liegen, die selbst dem umsichtigsten Investor die Zahlen verhageln könnten.

Worüber sich in Berlin übrigens niemand streitet: Der Bedarf an Wohnungen vor Ort ist weiterhin hoch. Die Hauptstadt gehört zu den angespanntesten Wohnungsmärkten Deutschlands. Die Nachfrage ist hoch, die Fertigstellungszahlen sinken. Für Investoren ist das zunächst ein starkes Marktsignal. Wo Menschen Wohnungen suchen, bleibt Wohnen grundsätzlich attraktiv. Doch Bedarf allein trägt kein Projekt. Er muss zu Baurecht, Finanzierung und am Ende zu gebauten Wohnungen werden.

Die Zahlen zeigen, wie groß der Abstand inzwischen ist. Bundesweit wurden 2025 nur noch 206.600 Wohnungen fertiggestellt, 18 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit 2012. Gleichzeitig lag der Bauüberhang bei 760.700 genehmigten, aber noch nicht fertiggestellten Wohnungen. Viele Vorhaben scheitern also nicht erst an fehlenden Genehmigungen. Sie kommen auch deshalb nicht voran, weil Kosten, Finanzierung, Förderbedingungen und Verfahren nicht zusammenpassen.

In Berlin fällt der Rückgang besonders deutlich aus. Die Bauaufsichtsbehörden meldeten für 2025 nur noch 11.027 fertiggestellte Wohnungen, 28,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Im Neubau entstanden 9.524 Wohnungen, nach 14.632 im Jahr zuvor. Zugleich kamen durch Baumaßnahmen an bestehenden Gebäuden 1.503 Wohnungen hinzu, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Das ist ein wichtiger Hinweis: Berlin braucht weiter Neubau auf neuen Flächen. Es muss aber auch den Bestand besser nutzen. Aufstockung, Umnutzung und Nachverdichtung werden für den Markt wichtiger.

Berlin muss vorhandene Flächen besser nutzen

Auch politisch wird die Lage komplexer, weil auf Bundes- und Landesebene mehrere Initiativen laufen. Die Bundesregierung baut derzeit vor allem den Mieterschutz aus. Die Mietpreisbremse wurde bis Ende 2029 verlängert, zusätzlich werden Eingriffe bei Indexmieten, möbliertem Wohnen und Kurzzeitvermietungen diskutiert. Aus Mietersicht ist der politische Druck nachvollziehbar. Für Investoren verändert er die Rechnung. Wenn Mieten stärker reguliert werden, müssen andere Faktoren verlässlicher werden: schnellere Verfahren, belastbare Förderung, klarere Zuständigkeiten und Flächen, die tatsächlich bebaut werden können.

Klar ist: Mieterschutz an sich schafft keine zusätzlichen Wohnungen. Er kann den Bestand stabilisieren und kurzfristig Druck aus dem Markt nehmen. Der Angebotsengpass bleibt. Deshalb kommt es darauf an, ob Berlin parallel mehr Projekte möglich macht. Der Bau-Turbo des Bundes und das Berliner Schneller-Bauen-Gesetz setzen an der richtigen Stelle an. Für Investoren zählt aber die Praxis. Werden Grundstücke schneller baureif? Werden Aufstockungen genehmigt? Kommen Umnutzungen durch die Verwaltung, ohne jahrelang zwischen Bezirk und Senat festzuhängen?

Berlin hat dabei mehr Potenzial, als die Debatte oft vermuten lässt. Natürlich ist Fläche im Stadtstaat knapp. Trotzdem werden vorhandene Flächen nicht immer sinnvoll genutzt. Es gibt gewerbliche Restflächen, mindergenutzte Grundstücke, Bahn- und Infrastrukturareale, öffentliche Vorhalteflächen und Lagen, deren Widmung nicht mehr zum Umfeld passt. Das heißt nicht, dass Gewerbe verdrängt werden sollte. Berlin braucht Handwerk, urbane Produktion, Logistik, Dienstleistungen und Arbeitsplätze. Aber nicht jede alte Gewerbewidmung ist heute noch die beste Nutzung.

Gerade öffentliche Grundstücke verdienen mehr Aufmerksamkeit. Wenn Bund, Land oder Bezirke über Flächen in guter Lage verfügen, diese aber weder selbst entwickeln noch verlässlich in den Markt geben, bleibt Wohnraumpotenzial liegen. Neue Gesellschaften oder Programme helfen wenig, wenn am Ende kein Baurecht entsteht und kein Bau beginnt. Berlin muss vorhandenen Boden schneller nutzbar machen.

Enteignungsdebatte belastet Finanzierung

Das größte politische Sonderrisiko bleibt die Enteignungsdebatte. Das im März 2026 beschlossene Vergesellschaftungsrahmengesetz überführt noch keine großen Wohnungsbestände. Es schafft aber einen Rahmen, unter welchen Bedingungen solche Eingriffe möglich sein könnten. Juristisch ist diese Unterscheidung wichtig. Für Kapitalgeber, vor allem aus dem Ausland, reicht schon die Möglichkeit an sich, um Risiken neu zu bewerten.

Auch hier gilt: Man kann so viele Wohnungen vergesellschaften, wie man möchte, es entsteht dabei keine einzige neue. Vergesellschaftung verschiebt lediglich Eigentum im Bestand. Fläche, Baurecht, Baukosten, Genehmigungen und Finanzierung bleiben dieselben Hürden. Hinzu kommt die Wirkung auf Banken und Kapitalgeber. Immobilienfinanzierung beruht auf Eigentumssicherheit, belastbaren Sicherheiten und kalkulierbaren Zahlungsströmen. Wenn Eingriffe wahrscheinlicher erscheinen, steigen Risikoprämien. Banken prüfen vorsichtiger und Investoren vergleichen den Berliner Markt stärker mit Konditionen an anderen Standorten.

Das bedeutet nicht, dass Berlin Wohninvestoren grundsätzlich abschreckt. Dafür sind Bedarf, Nachfrage und Flächenpotenzial zu groß. Aber die Möglichkeiten werden selektiver. Projekte brauchen konservativere Kalkulationen, längere Vorläufe und einen genaueren Blick auf politische Risiken. Chancen entstehen dort, wo Grundstück, Planung, Genehmigung, Förderung und Miete zusammenpassen. Besonders interessant bleiben Vorhaben, die vorhandene Strukturen besser nutzen: Aufstockungen, Umnutzungen, Nachverdichtung, gemischte Quartiere und Grundstücke mit klarer politischer Rückendeckung.

Investoren schreckt nicht jede politische Debatte ab. Was sie vorsichtig macht, ist Unberechenbarkeit. Wenn Regeln verlässlich sind, Verfahren funktionieren und die Verwaltung Projekte voranbringt, bleibt Wohnen in Berlin investierbar. Wenn sich aber Mietregulierung, langsame Verfahren, unsichere Förderung und Eigentumsdebatten überlagern, wird Kapital zurückhaltender.

Berlin muss also nicht beweisen, dass Wohnungen gebraucht werden. Das ist offensichtlich. Die Stadt muss zeigen, dass vor Ort unter verlässlichen Rahmenbedingungen auch Projekte entstehen können: genehmigt, finanziert und am Ende gebaut. Gelingt das, wird in Berlin weiter investiert. Gelingt es nicht, verschärft sich der Engpass weiter, obwohl Kapital, Nachfrage und Flächenpotenzial grundsätzlich vorhanden sind.

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