197 neue Projekte in knapp drei Jahren, Investitionen in Milliardenhöhe und zusätzliche Nachfrage nach Produktionsflächen, heißt: Die europäische Rüstungsindustrie ist im Aufwind. Cushman & Wakefield hat in einer aktuellen Studie untersucht, wie sich die steigenden Verteidigungsausgaben auf die europäischen Industrieimmobilienmärkte auswirken. Zwischen Anfang 2024 und August 2026 wurden europaweit jene 197 Projekte identifiziert. Mehr als die Hälfte betrifft neue Anlagen, bei den übrigen handelt es sich um Erweiterungen bestehender Produktionsstätten. Deutschland gehört neben Großbritannien und Frankreich zu den wichtigsten Standorten. Hierzulande wurden 27 Projekte mit einem Flächenvolumen von rund 500.000 Quadratmetern angekündigt. Besonders gefragt sind Flächen zwischen 10.000 und 25.000 Quadratmetern. Zu den Unternehmen, die ihre Produktionskapazitäten ausbauen, gehören unter anderem Rheinmetall, KNDS und Diehl.
Allerdings landet ein Großteil dieser Nachfrage gar nicht auf dem klassischen Vermietungsmarkt. Viele Rüstungsunternehmen entwickeln ihre Produktionsstätten selbst. Chancen für Projektentwickler und Vermieter ergeben sich vor allem bei Zulieferern, Dual-Use-Unternehmen und der Nachnutzung bestehender Industrieflächen, etwa aus der Automobilbranche. Ob sich daraus tatsächlich ein größerer Nachfrageschub für den Immobilienmarkt entwickelt, ist längst nicht ausgemacht. Zumal hochspezialisierte Produktionsanlagen nicht ohne Weiteres in gewöhnlichen Logistikimmobilien untergebracht werden können.
Selbst wenn die Immobilienwirtschaft von dem Boom partiell profitiert, was ist mit der Akzeptanz in der Gesellschaft? Leipzig liefert dafür ein aktuelles Beispiel. 17 Ansiedlungsanfragen aus der Verteidigungsindustrie und dem Dual-Use-Bereich sind eingegangen, fünf davon könnten rund 700 Arbeitsplätze bringen. Das wurde im Stadtrat offengelegt. Gleichzeitig haben mehr als 10.000 Menschen eine Petition gegen Rüstungsansiedlungen unterschrieben. Oberbürgermeister Burkhard Jung stellte klar, dass sich die Stadt bei Produktionsvorhaben mit Gefahren durch Sprengstoffe oder biochemische Prozesse nicht bewerben werde, schon gar nicht mit kommunalen Grundstücken. Dem Unternehmen Falk Defence, das einen Produktionsstandort im Raum Leipzig sucht, wurden ausschließlich private Flächen angeboten.
Deutschland investiert Milliarden in seine Verteidigungsfähigkeit, will unabhängiger von internationalen Lieferketten werden und die industrielle Produktion wieder stärker nach Europa holen. Nur müssen die dafür notwendigen Fabriken auch irgendwo stehen. Und ausgerechnet dort, wo neue Arbeitsplätze und Investitionen entstehen könnten, regt sich Widerstand. Natürlich sind Sicherheitsbedenken ernst zu nehmen. Aber eine europäische Verteidigungsindustrie lässt sich nicht allein mit politischen Beschlüssen und höheren Budgets aufbauen. Sie braucht Flächen, Genehmigungen und eine Gesellschaft, die bereit ist, die Konsequenzen dieser Entwicklung mitzutragen.


