Dabei geht es längst nicht mehr nur um Nachhaltigkeit oder Energieeffizienz. Die OECD beschreibt Resilienz als wirtschaftlichen Faktor. Immobilien seien aufgrund ihrer Ortsgebundenheit besonders anfällig für physische Risiken wie Hitze, Starkregen, Hochwasser oder Dürren. Gleichzeitig gehörten sie mit einem Vermögenswert von rund 111 Billionen US-Dollar in den OECD-Staaten zu den bedeutendsten Anlageklassen überhaupt. Schäden an Gebäuden bleiben deshalb nicht auf einzelne Objekte beschränkt, sondern wirken sich auf Finanzierungen, Versicherungen und den gesamten Immobilienmarkt aus.
Für Eigentümer und Investoren bedeutet das einen Zwang – oder eher Druck? – zum Perspektivwechsel. Nicht mehr allein Lage, Bauqualität oder Mietvertragslaufzeiten entscheiden über den Wert einer Immobilie. Zunehmend rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie widerstandsfähig ein Gebäude gegenüber extremen Wetterereignissen ist. Die OECD fordert deshalb, physische Risiken bereits bei Bauleitplanung, Genehmigungen und Investitionsentscheidungen systematisch zu berücksichtigen. Gleichzeitig müssten Gebäude stärker an die zu erwartenden Belastungen angepasst werden.
Auch der gemeinsame Report von JLL und Munich Re kommt zu diesem Ergebnis, allerdings aus Sicht des Kapitalmarkts. Die Autoren beobachten, dass Klimarisiken Finanzierung, Versicherung und Immobilienbewertung bereits heute verändern. Banken berücksichtigen physische Risiken zunehmend bei Kreditentscheidungen, Versicherungsprämien steigen und Investoren bewerten Gebäude verstärkt nach ihrer Anpassungsfähigkeit. Immobilien, die frühzeitig in Resilienz investieren, sichern sich damit einen Wettbewerbsvorteil. Gebäude ohne entsprechende Maßnahmen laufen dagegen Gefahr, langfristig an Attraktivität und Wert zu verlieren.
Besonders deutlich wird diese Entwicklung bei der Versicherbarkeit. Der Report bezeichnet sie als einen der entscheidenden Faktoren für den langfristigen Werterhalt. Steigende Schäden durch Extremwetter führen bereits heute zu höheren Prämien. Gleichzeitig wird es schwieriger, stark gefährdete Objekte zu versichern. Investitionen in Anpassungsmaßnahmen dienen deshalb längst nicht mehr nur dem Gebäudeschutz, sondern werden zu einer Voraussetzung für wirtschaftlich tragfähige Immobilien.
Welche Konsequenzen das für den Gebäudebetrieb hat, beschreibt Johannes Fütterer, CEO der aedifion GmbH: „Hitzewellen und überlastete Kälteanlagen werden für gewerbliche Gebäude zur echten Gesundheits- und Klimaresilienzfrage. Das zeigt sich besonders drastisch in Kliniken, Seniorenheimen, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen, wo Menschen auf ein gutes Raumklima angewiesen sind.“ Für ihn reicht es deshalb nicht mehr aus, auf klassische Gebäudetechnik zu setzen. „Hitzeschutz muss fest in Planung, technische Ausstattung und im laufenden Betrieb verankert werden.“ Intelligente Sensorik, KI-gestützte Analysen und wetterprädiktive Regelungen würden ebenso zum Standard gehören wie moderne Wärmepumpen mit Flächenkühlung oder die intelligente Nutzung dynamischer Stromtarife. Sein Fazit ist eindeutig: „Die Technologie ist da. Jetzt braucht es politischen Willen und ein Umdenken entlang der gesamten Wertschöpfungskette.“
Mehrere Studien unterstreichen diese Entwicklung. Nach Einschätzung von JLL und Munich Re gewinnen Maßnahmen zur Klimaanpassung deutlich an Bedeutung. Dazu zählen unter anderem Verschattungssysteme, hitzerobuste Fassaden, verbesserte Dach- und Gebäudehüllen, moderne Entwässerungssysteme sowie technische Schutzmaßnahmen gegen Hochwasser. Solche Investitionen reduzieren nicht nur Schäden, sondern wirken sich, wie oben bereits erwähnt, langfristig positiv auf Versicherbarkeit, Betriebskosten und Immobilienwerte aus. Gleichzeitig rechnen die Autoren damit, dass Unternehmen künftig gezielt Gebäude bevorzugen werden, die auch unter Extremwetterbedingungen zuverlässig funktionieren.
Wie pragmatisch Resilienz umgesetzt werden kann, beschreibt Dirk Wichner, Mitglied der Geschäftsführung der DVI Gruppe: „Um Immobilien gegen Extremwetter zu schützen, müssen wir viel pragmatischer werden.“ Für ihn gehören Klimaanlagen inzwischen zum Standortfaktor. „Für viele Mitarbeiter ist eine angenehme Raumtemperatur inzwischen sogar ein Grund, ins Büro zu kommen.“ Den zusätzlichen Strom könnten Photovoltaikanlagen klimafreundlich bereitstellen. Gleichzeitig verweist Dirk Wichner auf Eisspeicher, die im Winter erzeugte Kälte im Sommer zur Gebäudekühlung nutzen. Auch beim Hochwasserschutz sieht er großes Potenzial: Rückhaltebecken, Flutrinnen sowie gebäudeseitige Maßnahmen wie Rückstauklappen oder Schotts hätten bereits gezeigt, dass sich Risiken deutlich reduzieren lassen. „Wenn Politik und Eigentümer zusammenarbeiten, können wir Städte, Gebäude und Menschen deutlich besser vor Extremwetterereignissen schützen.“
Dass Resilienz inzwischen unmittelbar über den wirtschaftlichen Erfolg einer Immobilie entscheidet, bestätigt auch Carolin Dose, Managing Director of Asset Management bei HIH Real Estate. „Die zunehmenden Extremwetterereignisse gefährden die Nutzbarkeit von Immobilien. Dabei geht die größte Gefahr von Hitze aus.“ Viele Bestandsgebäude seien auf langanhaltende Hitze nicht vorbereitet. Ohne energetische Ertüchtigung steige nicht nur die thermische Belastung, sondern auch der Energieverbrauch durch nachgerüstete Klimageräte. Gleichzeitig verweist Carolin Dose auf Hochwasser und Überschwemmungen als weiteres zentrales Risiko. „Die Frage, wie wir Arbeits- und Wohnräume schützen, entscheidet zukünftig über die Vermietbarkeit und den Werterhalt von Immobilien.“ Entscheidend seien deshalb vorausschauende Instandhaltungs- und Modernisierungsstrategien, mit denen Investitionen rechtzeitig geplant und Risiken minimiert werden können.
Genau hier treffen sich die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis. Während die OECD fordert, Resilienz künftig stärker in Stadtplanung, Regulierung und Investitionsentscheidungen zu verankern, zeigen JLL und Munich Re, dass Banken, Versicherungen und Investoren diesen Wandel bereits vollziehen. Für Eigentümer und Bestandshalter bedeutet das: Resilienz ist kein zusätzliches ESG-Kriterium mehr, sondern entwickelt sich zu einem zentralen Bestandteil des Risikomanagements.


